Zahnärztin & Hypnosetherapeutin in Thun

Logo von Dr. Julia Meyer-Lückel – Hypnosetherapie für Kinder und Eltern in Thun

Ängste bei Kindern:
Was dahintersteckt und was hilft

Lesezeit: 12 min

“Jetzt mach doch schnell.”

Liam (5-jährig) klammert sich an das Bein seiner Mutter, er versteckt sein Gesicht hinter ihrem Bein. Ich knie mich hin, sobald die beiden ins Behandlungszimmer kommen. Das steht so in keinem Lehrbuch. Ich tue es, weil ich von unten zu ihm hochschauen möchte, nicht umgekehrt. 

Die Mutter ist freundlich, höflich und ein bisschen verzweifelt. “Komm jetzt, Liam. Es tut doch gar nicht weh. Es geht ganz schnell. Schau, die Frau Doktor ist nett.” Liam schüttelt den Kopf. Die Mutter blickt mich an, halb entschuldigend, halb hilflos. “Zuhause haben wir tausendmal geübt.” 

Sie kennen diese Szene. Vielleicht im Behandlungszimmer beim Arzt oder Zahnarzt, vielleicht vor der Kindergartentür, vielleicht aus dem Supermarkt. Haben Sie selbst schon “Stell dich nicht so an” gesagt und es im selben Moment bemerkt, dass bringt gar nichts? 

Ihr Kind stellt sich nicht an. Es klammert, weint und wirkt, als würde es kein Wort mehr hören. Sie wissen nicht, was es ist oder was Sie tun sollen. Sie haben gegoogelt, Bücher gelesen und Tipps bekommen wie: 

  • Ernst nehmen 
  • Körperkontakt  
  • Geduld 
  • Vielleicht zum Kinderarzt  

 
Und vieles davon ist auch nicht falsch. Aber es reicht nicht. Und das geht vielen Eltern so, die ein ängstliches Kind begleiten. Was hinter diesen Reaktionen steckt, warum die besten Tipps an der Oberfläche bleiben und was wirklich hilft, das lesen Sie hier. 

  • Angst bei Kindern ist kein Trotz und keine Charakterschwäche, sondern ein Alarmsystem des Körpers, das Schutz bieten will. 
  • Welche Ängste in welchem Alter auftauchen, folgt einer Entwicklungslogik. Das meiste ist normal, das macht es für Eltern aber nicht leichter. 
  • Viele gut gemeinte Eltern-Reaktionen verstärken die Angst, statt sie zu lindern. Vor allem: kleinreden, ablenken und vermeiden. 
  • Was wirklich hilft, beruht auf drei Prinzipien: Sicherheit zuerst, das Kind als Akteur einbeziehen, Momente positiv abschliessen. 
  • Wenn der Alltag eingeschränkt ist, Schlaf leidet oder körperliche Symptome auftauchen, ist professionelle Begleitung sinnvoll. Kinderhypnose ist hier eine besonders sanfte und wirksame Methode. 

Angst wirkt von aussen oft wie Drama, Trotz, Übertreibung, manchmal sogar wie Manipulation. Von innen ist es allerdings ganz anders. 

Angst ist ein Alarmsystem. Tief im Gehirn sitzt eine kleine Struktur, die wie ein Wachhund arbeitet:
Sie meldet Gefahr, lange bevor das Denken überhaupt beginnt. Sie schaltet den Körper innerhalb von Sekunden auf Kampf, Flucht oder Erstarrung um. Das Herz rast, die Atmung wird flach, Muskeln spannen sich an.  
Wichtig: der Teil des Gehirns, der zuhört, abwägt und vernünftige Gespräche führt, ist gerade inaktiv. 

Bei Erwachsenen läuft das genauso ab. Nur dass Erwachsene gelernt haben, das Alarmsystem zu beruhigen. Sie können sich sagen: “Es ist nur ein Vortrag, ich werde nicht sterben.” und tief atmen. Sie können sich erinnern, dass sie das schon einmal überstanden haben. 

Kinder können das alles noch nicht. Ihr Wachhund ist da, aber die “weise Eule”, der denkende, beruhigende Teil im Gehirn, ist noch nicht vollständig ausgebildet. Und wenn der Wachhund anschlägt, legt sich die Eule schlafen. Genau dann, wenn Sie sie am dringendsten bräuchten. 

Bevor Sie sich Sorgen machen, dass mit Ihrem Kind etwas nicht stimmt:
Das Meiste, was Eltern erleben, ist normal.
Ängste gehören zur Entwicklung. Sie verändern sich mit dem Alter und das ist kein Zufall.

Säuglinge und Kleinkinder (0 bis 3 Jahre).
Hier dominieren das Fremdeln und die erste Trennungsangst.
Das Kind merkt, dass die Bezugsperson eine eigene Person ist und dass sie weggehen kann.
Das ist ein Entwicklungssprung, kein Problem. Aber es fühlt sich für beide Seiten oft nach Problem an.

Kindergartenalter (3 bis 6 Jahre).
Die Fantasie blüht und mit ihr die Ängste.
Monster unter dem Bett, Angst vor Dunkelheit, Angst, allein zu sein.
In diesem Alter beginnt auch die Auseinandersetzung mit dem Tod, oft ausgelöst durch ein totes Tier oder den Verlust einer alten Person. Das alles ist keine Störung. Es ist ein wachsendes Bewusstsein.

Schulalter (6 bis 10 Jahre). Jetzt werden Ängste sozialer. Angst, blossgestellt zu werden, vor schlechten Noten, nicht dazuzugehören. Auch echte Schulangst kann auftreten. Und Ängste werden konkreter: vor Spritzen, vor dem Zahnarzt, vor Hunden.

Vorpubertät (10 Jahre und älter). Hier kommen Leistungs- und Zukunftsängste dazu. Sorgen um das Aussehen. Existenzielle Fragen. Vergleich mit anderen.

Die Frage ist also weniger: Ist das normal?
Sondern eher: Wie begleite ich mein Kind durch diese Phase, ohne dass die Angst sich verstärkt?

Eltern lieben ihre Kinder, Eltern wollen retten und gerade deshalb greifen viele zu Strategien, die das Gegenteil bewirken. Ich beobachte das in der Zahnarztpraxis täglich. Vier Reaktionen tauchen besonders oft auf. 

1. Gut gemeint und trotzdem falsch 

“Das ist doch gar nicht schlimm.”  
Gut gemeint, es soll beruhigen, sagt dem Kind aber etwas anderes:
Was du fühlst, ist falsch. Deine Wahrnehmung stimmt nicht. Vertrau nicht auf dein Inneres. 

Ihr Kind lernt nicht, mit der Angst umzugehen es bekommt das Gefühl, sich ändern zu müssen. Und der Wachhund? Der bleibt hellwach. Worte ändern daran gar nichts. 

2. Ablenken und wegerklären.

“Schau mal, ein Eichhörnchen!” 
“Wir reden später drüber.” 
“Das ist doch nur …” 
Auch das funktioniert, manchmal kurzfristig. Aber dem Alarmsystem fehlt damit die Chance, etwas zu lernen. Das Alarmsystem bleibt im Hintergrund aktiv, wartet auf den nächsten Auslöser und schlägt dann wieder genauso heftig an wie zuvor. 

3. Vermeidung.  

“Wenn du nicht zum Kindergeburtstag willst, musst du nicht.” 
“Dann gehen wir eben nicht zum Zahnarzt.” 
“Du musst nicht im eigenen Bett schlafen.” 

Das fühlt sich nach Mitgefühl an. Es ist auch Mitgefühl. Aber es ist auch eine Botschaft: Diese Situation ist tatsächlich gefährlich, sonst würden wir sie ja nicht meiden. Der Wachhund nickt zufrieden und merkt sich: Bei diesem Auslöser muss ich noch lauter bellen. Beim nächsten Mal wird die Angst grösser, nicht kleiner. 

4. Druck und Strenge.  

“Du bist doch kein Baby mehr.” 
“Andere Kinder schaffen das auch.” 
“Jetzt reiss dich zusammen.” 

Das ist die zynischste Variante, und sie kommt oft aus Erschöpfung. Sie funktioniert auch nicht nachhaltig. Sie kann nicht funktionieren. Der Wachhund versteht keine Vernunft, schon gar nicht unter Druck. Was Ihr Kind lernt, ist: Wenn ich Angst habe, bin ich allein. Bei dem Menschen, dem ich am meisten vertraue. 

Und ich sage Ihnen etwas Ehrliches: Ich habe diesen Satz selbst gesagt. Mein Sohn war im Schwimmkurs, eisig kalte Schwimmhalle, alle Kinder allein im Wasser, vorne eine Schwimmlehrerin mit militärischem Ton. Er wollte nicht rein. Und ich habe gesagt: “Jetzt stell dich nicht so an, die anderen machen das doch auch.” 

Er hat es überstanden, seine Kindergartenfreundin war dabei, der ging es genauso, die zwei haben durchgehalten. Heute erzählt er die Geschichte ohne grosses Drama. Aber er erinnert sich noch. Und ich erinnere mich auch. 

Aus jahrelanger Arbeit mit ängstlichen Kindern, in der Zahnarztpraxis und in der Hypnose, haben sich drei Prinzipien herauskristallisiert, die immer wieder funktionieren.  

1. Sicherheit zuerst 

Bevor irgendetwas funktioniert, muss sich der Wachhund beruhigen. Worte schaffen das nicht. Was wirkt: Präsenz, Körperkontakt, ruhige Stimme, langsame Bewegungen, Nähe. Die schlichte Tatsache, dass jemand dableibt, der selbst nicht in Panik gerät. Eine Umarmung, fest und ruhig, beruhigt das Alarmsystem schneller als jedes Argument. 

Konkret heisst das: Bevor Sie reden, atmen Sie. Bevor Sie erklären, gehen Sie auf Augenhöhe. Bevor Sie Lösungen suchen, akzeptieren Sie die Situation. 

Wenn Sie ruhig sind, kann Ihr Kind ruhig werden. Wenn Sie hektisch sind, sieht der Wachhund: Aha, es ist wirklich Gefahr. Sonst wäre Mama nicht so angespannt. 
 

2. Ihr Kind als Akteur einbeziehen 

Das ist das Prinzip, das am meisten gegen die Erwachsenenlogik geht.  
Wir denken: Ich weiss, was gut ist. Ich entscheide. Ich führe. Wenn ich mein Kind entscheiden lassen, verliere ICH die Kontrolle. 
Genau da steckt der Denkfehler: Wer das Kind entscheiden lässt, verliert keine Kontrolle, er gibt sie klug ab. 

Bei ängstlichen Kindern ist es aber so: Wer die Kontrolle nicht hat, klammert sich an die Angst, weil sie wenigstens etwas ist, das sich kontrollieren lässt. Wer wieder ein Stück Kontrolle bekommt, kann die Angst loslassen. 

Konkret: Lassen Sie Ihr Kind mitentscheiden. Wann gehen wir, erst noch rutschen oder schaukeln? Welcher Pulli? Hier wird nicht die Wahl gelassen, ob überhaupt ein Pulli. Sie entscheiden, dass ein Pulli getragen wird, aber Ihr Kind darf entscheiden welcher.  

Beim Zahnarzt: Möchtest du selbst auf den Stuhl steigen oder soll Mama dich heben?  
Bei einer neuen Situation: Schauen wir erst mal von weitem zu? Wie nah willst du rangehen? Und in meiner Hypnose-Arbeit funktioniert es genauso: Ich stelle nur offene Fragen. Was siehst du? Beschreib mal, wie es da aussieht. Tu mal so, als ob du auf einer Wiese stehst. Das Kind erzählt, ich folge. 

3. Den Moment positiv abschliessen 

Was am Ende einer Situation passiert, prägt die Erinnerung stärker als alles dazwischen. Das ist neurobiologisch belegt und im Alltag mit Kindern unmittelbar spürbar. 

Was heisst das praktisch? Brechen Sie nie eine angstbesetzte Situation in der Angst ab. Schaffen Sie immer einen guten Schluss, auch wenn der Schluss bedeutet, dass Sie früher gehen als geplant. Aber bevor Sie gehen: noch eine kleine Erfolgserfahrung. Noch ein kurzer Moment, in dem sich Ihr Kind als kompetent erlebt hat. 

Beispiel aus meinem Behandlungszimmer: Bei einem Kind soll eigentlich gebohrt werden, es will aber nicht. Statt einen Kampf zu beginnen, schauen wir nur und ich nehme einen Befund auf. Am Ende sage ich: “Du hast mich heute alles in Ruhe anschauen lassen. Jetzt weiss ich genau, was wir beim nächsten Mal machen. Das war super. Vielen Dank.”  
Ein anderes Kind, welches nicht auf den Behandlungsstuhl steigen will, darf zum Beispiel auf dem Wartezimmerstuhl Platz nehmen und ich schaue dort.  
Ein Kind, das mich gar nicht in den Mund schauen lässt, hat dafür vielleicht mit mir gesprochen, oder wenigstens mit Kopfbewegungen mit mir kommuniziert. Und ich lobe das, was es geschafft hat: heilig über den grünen Klee. 

Der Wachhund speichert: Das Ende war okay. Die Julia, die ist nett. 

Vieles können Eltern selbst tun, aber nicht alles. Und manchmal ist genau die Erkenntnis, dass die eigene Kraft nicht mehr reicht, das Wichtigste. Vier Signale, bei denen ich Eltern empfehle, sich Hilfe zu holen: 

  • Der Alltag ist eingeschränkt. Wenn Ihr Kind über einen langen Zeitraum nicht mehr zur Schule, in den Kindergarten oder zu Freunden geht, weil die Angst zu gross ist, ist eine Grenze überschritten. 
  • Der Schlaf leidet seit Wochen. Einschlafprobleme, Albträume, nächtliches Aufwachen, wenn das anhält, ist das Alarmsystem dauerhaft aktiviert. Dauerhafter Alarm zehrt am Schlaf, an der Konzentration, am Immunsystem. 
  • Körperliche Symptome treten auf. Bauchschmerzen vor jedem Termin. Kopfschmerzen am Schultag. Übelkeit ohne organische Ursache. Das ist der Körper, der spricht, wenn die Sprache fehlt. 
  • Sie selbst kommen nicht mehr weiter. Wenn Sie das Gefühl haben, in einer Schleife festzustecken und alles, was Sie versuchen, das Problem grösser macht, ist das kein Versagen. Das ist ein Hinweis. 

Ein Wort zur Reihenfolge: Wenn körperliche Symptome auftreten oder der Alltag stark leidet, gehört der erste Blick zur Kinderärztin – damit Organisches ausgeschlossen ist und Sie wissen, womit Sie es zu tun haben. Steht diese Einordnung, geht es um die Frage: Welcher Weg hilft meinem Kind, wieder Boden unter die Füsse zu bekommen? Hier setze ich an. 

Was übrigens kein Grund zur Sorge ist: Wenn Ihr Kind in einer Entwicklungsphase mehr Angst zeigt als sonst. Das gehört dazu. Hier hilft Geduld und die drei Prinzipien oben.

Auf dieser Seite habe ich einen Überblick zum Thema Ängste bei Kindern zusammengestellt. Wenn Sie sich in ein konkretes Angstthema vertiefen möchten, finden Sie hier ausführlichere Artikel: 

  • Trennungsangst beim Kind – warum sich Trennungsangst nicht einfach auswächst und wie Sie Ihr Kind wirklich begleiten. 

Sind Sie interessiert an anderen Themen? Schreiben Sie mir, ich nehme sie gern in meinen Redaktionsplan auf. 

 Vielleicht haben Sie beim Lesen gemerkt: Wir stecken fest. Was wir tun, wird nicht besser. Manchmal sogar schlimmer. 

Das ist kein Scheitern, das ist der Moment, in dem viele Familien beschliessen, sich Unterstützung zu holen. 

Sich Hilfe zu holen ist kein Scheitern. Es ist Verantwortung. Und es ist der erste Schritt aus der Schleife. 

Ab welchem Alter sind Ängste bei Kindern noch normal?

Ängste gehören in jedem Alter zur Entwicklung. Säuglinge fremdeln, Kindergartenkinder fürchten Monster, Schulkinder sorgen sich um Leistung. Entscheidend ist nicht das Alter, sondern ob die Angst den Alltag einschränkt und ob das Kind selbst leidet. 

Wie unterscheide ich normale Angst von einer Angststörung?

Drei Hinweise: die Angst dauert länger als ein paar Wochen, sie schränkt den Alltag deutlich ein (Schule, Freunde, Schlaf), oder sie zeigt sich in körperlichen Symptomen wie Bauchschmerzen oder Übelkeit. Wenn ein oder mehrere dieser Punkte zutreffen, lohnt sich eine professionelle Einschätzung.

Soll ich mein Kind in seine Angst hineinzwingen, damit es lernt, sie zu überwinden?

Nein. Druck und Zwang verstärken Angst, sie lösen sie nicht. Wirksam sind kleine Schritte, bei denen Ihr Kind selbst entscheiden kann, wie weit es geht – immer mit dem Gefühl, dass es jederzeit zurückkann. Diese Sicherheit ist die Voraussetzung dafür, dass Mut wachsen kann.

Kann Kinderhypnose bei Ängsten wirklich helfen?

Ja, und das ist gut untersucht. Kinder reagieren auf Hypnose oft besser als Erwachsene, weil ihre Vorstellungskraft noch näher am Erleben ist. In der Hypnose lernen sie Bilder und Techniken, mit denen sie ihren eigenen Wachhund beruhigen können, im Alltag, in der Schule, beim Arzt.

Was tun, wenn mein Kind nachts vor Angst nicht schlafen kann?

Anhaltende Einschlafangst über mehrere Wochen ist ein Signal, das ernst genommen werden sollte. Kurzfristig hilft Nähe ohne Diskussion, ein Ritual, gedämpftes Licht. Langfristig braucht es einen Weg, das Alarmsystem zu beruhigen und manchmal ist das alleine schwer zu schaffen.

Wenn Sie das jemandem schicken möchten, dem das gerade helfen könnte — hier sind die Buttons.

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Dr. Julia Meyer-Lückel, Kinderzahnärztin und Hypnosetherapeutin für Kinder in Thun